Ein Baum verwandelt sich

Samstag, 2.12.2017. Die Sonne versteckte sich hinter zähem Nebel, bestes Schmuddelwetter knapp über dem Gefrierpunkt. Dennoch musste ich raus an die frische Luft. Also ab auf‘s Rad auf der Suche nach einem geeigneten Fotomotiv, die XT 10 mit dem 27mm Pancake in der Bauchtasche. Erst hatte ich die alten Kastanien bei Havert im Visier, doch dann erinnerte ich mich an die alleinstehende Weide in der Nähe von Hastenrath. Als ich sie in der Ferne erkennen konnte, kam auch eine Idee zur Bildbearbeitung. Statt grau in grau sollte der Realität zum Trotz ein Winterbild entstehen. Die Weide hatte noch jede Menge Blätter, gelbe Blätter. Diese lassen sich im S/W Modus sehr schön entfärben und in ein winterliches Weiß verwandeln.

So fand ich den Baum vor. (ISO 200, f/4; 1/400s)

Und so wurde es Schritt für Schritt mittels Capture One 11 kälter und kälter …. Die Bearbeitungsschritte im Einzelnen:

Noch im Farbmodus wurde die Belichtung auf 1,76 angehoben, s.d. alles heller und die Blätter deutlich sichtbar werden (Screenshot ist S/W). Dann habe ich den S/W Modus aktiviert und in der gleichen Ebene mittels Farbeditor den Blättern mehr Sättigung gegeben und deren Helligkeit erhöht. Mittels Filter wurden die Farben manipuliert, so dass es Winter wurde.

Im nächsten Schritt habe ich das Feld wieder besser kenntlich gemacht, indem in diesem Bereich die Belichtung wieder zurück genommen wurde

Mittels Tiefen / HDR wurden dann dem Stammbereich mehr Details zurück gegeben. Auf eine genau Auswahl kam es hier nicht an, da die Nachbarbereiche fast keine Zeichnung in den Tiefen haben.

Im letzten Schritt habe ich eine Verlaufsmaske gewählt um sanfte Übergänge zu bekommem. Der Winterlook wurde im oberen Bildbereich durch eine stärkere Belichtung, mehr Struktur und durch eine Anhebung der Mitteltöne in der Farbbalance verstärkt. Der Mittentonbereich wurde mehr belichtet. Fertig!

Das Ergebnis (Capture One)

Die gleiche Aufnahme habe mit ON1 Photo RAW 2018 bearbeitet. Die Möglichkeit einzelne Farben zu manipulieren gibt es bei dieser Software nicht. Das Maskierungswerkzeug „Perfect Brush“ versagt im Bereich der Äste vollständig. Die Regler zum aufhellen wirken etwas anders als bei Capture One, ebenso werden Highlights und Midtones anders interpretiert. Auch hier ist es gelungen einen Winterlook zu erstellen, jedoch lassen sich nicht so feine Unterschiede wie bei Capture One 11 herausarbeiten, so wird der Stamm zwangsläufig immer mit aufgehellt. Oder man müsste ihn in mühevoller Kleinarbeit bearbeiten.

Das Ergebnis (ON1)

ON1 Photo RAW 2018

Die ON1 Inc. aus Portland, Oregon wirbt mit dem Slogan mit ON1 Photo RAW 2018 Lightroom und Photoshop zu ersetzen. Ein Konzept was neugierig macht. Bei einem Einführungspreis von $99.99 habe ich dann auch nicht lange überlegt und sofort zugeschlagen.

Erste Eindrücke im Vergleich zu Capture One –  keine Bedienungsanleitung

Das Programm gibt es ausschließlich in englischer Sprache. Ich finde es jedoch weitgehend selbsterklärend, s.d. das nicht unbedingt ein schwerwiegender Nachteil ist, zumal manche Übersetzungen in die deutsche Sprache (z.B. bei Capture One) verwirrend sind. Will man jedoch mehr als die zahlreichen Presets nutzen, lohnt ein Blick unter die Haube. Der Anbieter stellt dazu zahlreiche Videos zur Verfügung, welche meiner Meinung nach auch nur an der Oberfläche plätschern. Die von Phase One zur Verfügung gestellten Videos gehen da mehr ins Detail und sind zudem in Deutscher Sprache verfügbar.

ON1 bietet kostenpflichtig eine optionale ON1 Plus oder ON1 Plus Pro Mitgliedschaft an. „ON1 Plus is SO MUCH more than just additional video training and private forums. It’s a community of ON1 customers and ON1 Gurus. Each member gets premium access to a host of coaches, video courses, and lessons covering shooting, editing, and everything in between.“

Die jährlich zu zahlenden Preise erinnern mich an das Konzept von Adobe, gegen welches man eigentlich wirbt. Nun das muss jeder für sich entscheiden. Ich für meinen Teil bin kein Plus Mitglied geworden. Also bleibt nur zu probieren, und los gehts: Das Programm zeigt im Browsermodus die Bilder ausgewählten Ordner sehr zügig an. C1 braucht da viel, viel länger. Die RAW Dateien werden offensichtlich bei ON1 nicht komplett ausgelesen. Nachdem ein entsprechendes Bild ausgewählt wurde, lässt sich dann im Entwicklermodus mit der eigentlichen RAW Entwicklung beginnen.

Zahlreiche Presets zeigen wie das Bild nach deren Anwendung aussehen könnte. Nun, das ist Geschmacksache und wohl eher was für die Leute, die auf das schnelle Ergebnis setzen und denen es selbst an Ideen fehlt. Aber mitunter hilft es einem doch bei der Entscheidung in welche Richtung (und in welche auf keinen Fall!!) die Reise gehen könnte.

Änderungen sind auf das ganze Bild anwendbar oder auf nur ausgewählte Bildbereiche. Das Maskieren geht im Vergleich zu Capture One rasend schnell. Die Bildbearbeitungsmöglichkeiten sind im Modus „Overall Settings“ (ganzes Bild) und im Modus Local Adjustments (Auswahlmaske) unterschiedlich. So fehlen etliche Regler in der Auswahlmaske. Keine Ahnung warum.

Wie bei jedem Bildbearbeitungsprogramm gibt es auch bei ON1 die „üblichen“ Einstellmöglichkeiten. Um sie bewusst anzuwenden, muss man ihre Wirkungsweise kennen. Hier bin ich noch dabei die Begriffe, Möglichkeiten und Feinheiten der neuen Software auszuloten. Die Herangehensweise der Entwickler von C1 und ON1 an die RAW Bearbeitung bzw. der Workflow sind verschieden.

Bei Capture One habe ich speziell das intuitive Farbbalance-Werkzeug und die Möglichkeiten zur Wiederherstellung von Bildinformationen aus Schatten und Spitzlichtern zu schätzen gelernt. Für das Farbbalance-Werkzeug von Capture One habe bei ON1 noch keine Alternative gefunden.

Was bieten die Tools für die Wiederherstellung von Lichtern beider RAW Konverter?

Hier zeigt sich gerade der Vorteil einer RAW Datei. Dazu ein Beispiel.


Das Bild zeigt im unbearbeiteten Zustand im Himmel keine Zeichnung.


ON1: Highlights -100 (Highlights: This slider darkens the highlights, recovering detail. )


ON1: Highlights – 100 und Whites – 100 (Whites: This slider will clip the whites adding more contrast to the whites. )


C1: Highlights + 100

Capture One bringt über das HDR Werkzeug mehr Details zum Vorschein, die Überbelichtungswarnung zeigt immer noch überbelichtete (rote) Bereiche an. Über Highlights werden  bei ON1 weniger Details sichtbar, es musste noch mit „Whites nachgeholfen“ werden. Mir ist momentan noch unklar, wie ich das Ergebnis bewerten soll. Von einem Bild sofort Schlüsse zu ziehen, erscheint mir übereilt.

Was mir noch so auffällt

Für alle meine Fujiobjektive gibt es entsprechende Korrekturen. Diesen Part hat Phase One bisher sträflich vernachlässigt.
Die Einstellmöglichkeiten, die ON1 bietet, sind alle wie bei Capture One sehr präzise und fein justierbar.
Die Oberfläche der Software ist aufgeräumt und übersichtlich, Werkzeuge auf die man inzwischen „blind“ bei C1 findet, musste ich zunächst bei ON1 suchen. (Bilder ausrichten findet man z.B. unter dem Symbol für Bildausschnitt festlegen)
Mit den Reglern Vibrance (Lebendigkeit) und Haze (Dunst entfernen) bietet ON1 zwei Einstellmöglichkeiten, die dezent angewendet zu sehr schönen Ergebnissen führen.

Ob nun ON1 oder C1 „besser“ ist, ist schwer zu sagen. C1 & ON1 sind verschieden. Beide Programme haben ihre Vorteile. Für ON1 spricht, dass die Software zügig arbeitet und neben der RAW Entwicklung Komponenten eines Bildbearbeitungsprogrammes bietet. (womit ich mich noch nicht beschäftigt habe) C1 ist für mich immer noch  „der“ RAW Konverter.

Ich bin nach relativ kurzer Einarbeitungszeit mit den ersten soweit Ergebnissen zufrieden. Bis ich alle Kniffe kenne, wird es wohl eine Weile dauern. Ob man je alles nutzt, bleibt offen. Mit Capture One bin ich vertrauter, das System bleibt in jedem Fall auf meinem Mac. Welches Programm in Zukunft mehr genutzt wird, ist heute völlig offen.

erste Bilder